Wüste Gobi in der Mongolei
Mongolei

Zaunloses Land

Eine Reise durch die Mongolei ist wie ein Ausflug in eine andere Zeit. Zu Pferde folgte unser Autor den Spuren Dschingis Khans: 300 Kilometer Einsamkeit und unberührte Natur

Carsten Stormer

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Schwarze Wolken und ein steiler Abgang

Wie still es ist vor dem Bruch. Die Sonne hat sich hinter schwarze Wolken verkrochen. Plötzlich platscht Regen herab, sickert durch unsere Kleider, ein eisiger Wind bläst jetzt über die mongolische Hochebene des Khentii-Gebirges. Wir stehen auf einer Bergkuppe auf 2200 Meter Höhe, um uns herum nichts als Wälder, und blicken in die Tiefe: Ein steiler Abhang aus Geröll und spitzen Steinen. Unsere Pferde wiehern ängstlich und blähen die Nüstern. 

Ich steige ab, suche Halt auf den losen Steinen. Hoffentlich bringt niemand das Geröll ins Rutschen. Ich ziehe an den Zügeln, blicke meinem Gaul tief in die Augen und rufe: „Tschu, tschu, tschu“. Nach fünf Minuten hat er ein Einsehen, macht ein paar Schritte vorwärts, und ich stolpere rückwärts, falle auf den Hintern. Wahrscheinlich hat das Tier genauso viel Angst wie ich. Ein paar Steine purzeln den Hang hinunter.

Vor diesem Namen zitterte die Welt

Wir wollen das Erbe Dschingis Khans entdecken. Mit zwei Jägern als Begleitschutz und Führern, dazu eine Köchin und zwei Packpferde, machen wir uns auf den Weg: Im Sattel durch die Berge und Grasebenen des Khentii-Gebirges im Nordosten der Mongolei. Acht Tage und 300 Kilometer Einsamkeit, unberührte Natur, endlose Wälder. In diesen Wäldern wuchs der Junge Temujin zum Krieger heran, der später die mongolischen Völker vereinigte und zum größten Herrscher aller Zeiten wurde. Die Welt zitterte vor diesem Namen, auch heute noch sprechen die meisten Menschen ihn mit Ehrfurcht aus: Dschingis Khan.

In einer kleinen Buchhandlung in einer Seitengasse der Hauptstadt Ulan Bator fanden wir eine englische Ausgabe der „Geheimen Geschichte der Mongolen“, ein zerfleddertes Buch, das jahrhundertelang verschollen war und erst Anfang des 20. Jahrhunderts wieder auftauchte. Dieses Buch ist unserer Reisebegleiter, und wann immer es geht, lesen wir darin: Über die Schlachten und Intrigen, die Reiterhorden und das Leben in der Mongolei vor achthundert Jahren. Eine literarische Zeitreise mit Nutzwert – denn in den Jahrhunderten hat sich das Land des Khans kaum verändert. Vieles ist noch immer so, wie es im Buch beschrieben wird.

„Die Welt zitterte vor diesem Namen, auch heute noch sprechen die meisten Menschen ihn mit Ehrfurcht aus: Dschingis Khan“

Was hat dieser Mann hinterlassen, der im Jahre 1227 starb, die halbe Welt in Atem hielt und ein Reich schuf, das von Korea bis Ungarn, von Sibirien bis nach Indien reichte? Auf den ersten Blick nicht viel: Keine Paläste, Burgen oder Gedenkstätten, selbst seine Grabstätte ist unbekannt. Sein Erbe ist das Land, das noch heute den Namen seines Stammes trägt: Mongolei. Und die Steppenbewohner, die zwar mit Mobiltelefon, Internet und Ipad hantieren, aber ansonsten immer noch so leben wie vor 800 Jahren: als Nomaden in ihren Gers, die wie weiße Pilze in Tälern und an Berghängen kleben. Menschen, die Reichtum an der Anzahl der Pferde, Yaks oder Kamele bemessen, nicht an der Höhe des Bankkontos. Und noch etwas führte Dschinghis Khan ein: diplomatische Immunität, Freihandelszonen, Steuererleichterungen und Religionsfreiheit. Er schuf damit die Grundlagen einer modernen Welt.

Am Außenposten der Zivilisation

Nach knapp zwei Stunden sind wir im Tal angelangt. Ich keuche so laut wie mein Pferd, aber wir sind unversehrt. Dann reiten wir weiter, durch Kiefernwälder und über Bergrücken, täglich zwölf Stunden, bis wir abends erschöpft am Lagerfeuer sitzen und unsere wunden Hintern und Oberschenkel massieren. Oft zu müde, um Feuerholz zu sammeln oder unser Zelt aufzubauen. Das müssen dann unsere mongolischen Begleiter übernehmen, die dann milde lächelnd den Kopf schütteln über die verweichlichten Besucher aus der Stadt.

Acht Tage lang reiten wir über Berge und durch Wälder, überqueren Bäche und reißende Flüsse, schlafen in der Ruine eines Klosters aus dem 17. Jahrhundert, in der ein chinesischer Prinz mit gebrochenem Herzen einst seine tote Gemahlin beerdigte – ihr Geist, sagt man, spukt noch immer durch die Wälder. Wir trinken Wasser aus Gebirgsbächen, zelten an Berghängen, waschen uns in eisigen Gletscherseen und kämpfen uns durch Wolken aus Fliegenschwärmen und fingerdicken Mücken. 

„Um uns herum nichts als Wüste und Steppe“

An einem Tag, an dem der Himmel sich nicht zwischen Regen und Sonnenschein entscheiden kann, erreichen wir den letzten Außenposten der Zivilisation. Das Dorf Terelj ist eine Ansammlung aus bunten Holzhütten und schneeweißen Gers, die traditionellen mongolischen Rundzelte, zwei Autostunden von Ulan Bator entfernt. Wir steigen in einen klapprigen russischen Kleinbus und rumpeln Richtung Gobi-Wüste. Unser Ziel sind die „Singenden Dünen“ von Chongoryn Els, vier Tagesreisen von Ulan Bator entfernt. Ich stelle meinen Blick scharf: Um uns herum nichts als Wüste und Steppe. Außer einigen Grashalmen, Sträuchern und den ausgebleichten Skeletten von Kamelen gibt es nichts, woran sich das Auge festhalten kann. Am Himmel kreisen Geier und Bussarde.  

Zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion findet die Mongolei allmählich einen festen Platz auf der touristischen Weltkarte. Das Land hat sich für die Welt geöffnet, die junge Demokratie lockt Investoren an. Der Lebensstandard steigt, die Wirtschaft wächst, und einer ihrer Eckpfeiler ist der Tourismus – obwohl die kalten Winter mit bis zu minus fünfzig Grad Celsius nur ein dreimonatiges Zeitfenster zulassen, in denen halbwegs komfortables Reisen möglich ist. 

Das Singen der Dünen

Außerhalb der Hauptstadt Ulan Bator gibt es nur wenige Hotels. Man übernachtet in den Gers der Nomaden, die dafür von den Reiseveranstaltern einen kleinen Nebenverdienst erhalten. Lehrer, Studenten und Viehhirten arbeiten im Sommer als Reiseleiter und verdienen sich so ein Zubrot. Die Natur ist das Kapital der Mongolei: Ein Land ohne Zäune, drei Mal so groß wie Frankreich und mit gerade einmal 2,5 Millionen Menschen. Auf jeden Einwohner kommen dreizehn Pferde.

Seit vier Tagen fahren wir in unserem klapprigen russischen Bus durch die Gobi, insgesamt knapp 2000 Kilometer. Die weichen Sitze federn jedes Schlagloch ab. An den offenen Fenstern rauscht die Wüste vorbei, eine Farbexplosion aus Rot, Braun, Ocker, Gelb, manchmal ein bisschen Grün. In der Hitze flirren die Silhouetten von Kamelen. Und einmal fahren wir stundenlang durch eine Hügellandschaft, bewachsen mit einem grünen Flaum, durchs Fenster weht der Geruch von Schnittlauch. In einer Schluchtenlandschaft, die von den Mongolen „Flammende Klippen“ genannt wird, suchen wir nach Dinosaurierknochen und finden versteinertes Holz. Immer wieder kommen wir an Ovoos vorbei, den pyramidenartigen Steinhaufen. Wir halten an, gehen dreimal im Uhrzeigersinn herum und werfen Steine oder Wodkaflaschen darauf: Opfergaben, um die Erdgeister freundlich zu stimmen. Aber auch eine willkommene Abwechslung, um nach langen Stunden im Auto kurz die Beine zu vertreten.

Der Wodka ist überall. Wir haben einen leichten Kater vom letzten Abend mit einem freundlichen Hirten, als wir nach einer neunstündigen Fahrt endlich die „Singenden Dünen“ von Chongoryn Els erreichen, eine Kette aus mächtigen Sandhügeln, die sich wie riesige gelbe Wellen aus der kargen Landschaft wölben und bis zu 200 Meter hoch sind. Einige Nomadenfamilien haben Gers errichtet, die wie Champignons in der Landschaft stehen. In einer Oase grasen Kamele und Pferde.

„Der Wind peitscht Sandkörner auf unsere Haut, sie fühlen sich an wie Nadelstiche“

Die Abendsonne taucht die Dünen in goldenes Licht, als wir mühsam den steilen Aufstieg beginnen – auf allen vieren. Unsere Füße tauchen bis zu den Knöcheln in feinen, pulvrigen Sand ein. Nach jedem zweiten Schritt sinken wir einen Schritt zurück. Durchschnaufen, Schweiß abwischen. Dann weiter. Zwei Stunden benötigen wir für 200 Höhenmeter, dann haben wir den Grat der höchsten Düne erreicht und werden mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt. So weit das Auge reicht, wölben sich unter uns kleine Wellen aus Sand. Der Wind peitscht Sandkörner auf unsere Haut, sie fühlen sich an wie Nadelstiche. Mehrere Stunden verbringen wir auf dem Rücken der Dünen, dann hören wir ein leises Summen, das langsam lauter wird, bis es sich anhört, als würde irgendwo ein einsamer Mönch auf einer Dungche spielen, dieser langgezogenen tibetischen Trompete. Wir bleiben stehen, schützen unsere Gesichter vor den fliegenden Sandkörnern, lauschen andächtig und genießen den Zauber, bis sich der Sand beruhigt hat und nur noch das Rauschen des Windes zu hören ist.

Abschied mit berauschten Sinnen

Auf dem Rückweg nach Ulan Bator halten wir an einem kleinen Kloster, in dem ein einsamer Mönch zwei Novizen unterrichtet. Der Mönch nickt uns zu und macht ein Zeichen, dass wir uns zu ihm setzen sollen. Ein flüchtiges Lächeln fliegt über sein Gesicht, dann haut er einem der Novizen mit einem Rohrstock auf die Finger, weil er die fremden Besucher mit großen, neugierigen Augen anstarrt. Der Kopf des Jungen läuft rot an, schnell vertieft er sich wieder in das Buch auf seinem Schoß und rezitiert laut alte tibetische Verse. Als wir das Kloster verlassen, zwinkert uns der Mönch zu. 

„Eine Reise in die Mongolei ist ein Trip in eine Zeit, in der das Leben einfacher und gemächlicher war“

Klöster und Mönche sind ein Anblick, der vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wäre, denn Religion war unter der kommunistischen Knute verboten. Viele Klöster wurden niedergerissen, Tausende Mönche ermordet, alte Schriften verbrannt. Jetzt entstehen neue Klöster, zerstörte Anlagen werden restauriert. Aber es ist schwierig geworden, Nachwuchs zu finden. Die Jugend ist für ein Leben voller Verzicht und Entbehrungen kaum noch zu begeistern, die Versprechungen der Moderne locken die Nomadenkinder in die Stadt.

Zwei Tage und unzählige Schlaglöcher später ist unser zentralasiatisches Abenteuer beendet. Eine Reise in die Mongolei ist ein Trip in eine Zeit, in der das Leben einfacher und gemächlicher war; eine Auszeit von Hektik, Stress und Lärm, Stunden und Tage wie aus der Zeit geschnitten. Unsere Körper sind müde, aber der Kopf ist frei, die Sinne berauscht von den Erlebnissen in einem der letzten nahezu unberührten Länder Asiens.

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