Lounge Chair

“Musik macht uns zu besseren Menschen”

Er gilt als der beste Puccini-Dirigent unser Tage: Antonio Pappano, 54, über das Orchester als Familienersatz, seine Liebe zur Popmusik und die Gedichte von Heinrich Heine

Thilo Komma-Pöllath (Interview)

Jetzt entdecken

Herr Pappano, berühmte Dirigenten führen meist ein Jet-Set-Leben. Wo fühlen Sie sich zuhause?

Meine Eltern stammen aus Castelfranco in Italien. Aber schon sie waren rastlos: Erst ging es nach England, wo ich geboren wurde, dann in die Vereinigten Staaten, wo ich aufwuchs. Auch ich brauchte früher alle paar Jahre etwas Neues. Aber jetzt habe ich ein Orchester in Rom und ein Opernhaus in London, diese beiden Städte erden mich auf magische Weise. Offenbar habe ich meinen Weg in ein bürgerliches Leben gefunden (lacht).

Sie erhalten wahrscheinlich Angebote aus aller Welt. Fällt es nicht schwer, abzusagen?

Viele meiner Kollegen gastieren ständig irgendwo auf der Welt. Das ist nichts für mich. Für Italiener ist „la famiglia“ wichtig. Meine Frau und ich haben zwar keine Kinder. Aber auch ich brauche etwas, aus dem ich für die Arbeit schöpfen kann. Für mich sind meine beiden Orchester zur Familie geworden.

Bedauern Sie, dass Sie keine eigenen Kinder haben?

Meine Frau würde sagen, ich bin das Kind ... Aber im Ernst: Unser Kind ist die Karriere. Musik ist unser Leben, sie ist so unglaublich fordernd. Wenn man begabt ist und die Gelegenheit bekommt, vor großem Publikum aufzutreten, dann hat man eine große Verantwortung.

Antonio Pappano bei einem Konzert der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in der Royal Albert Hall, London

Schon als Jugendlicher haben Sie Ihren Vater, einen Gesanglehrer, am Klavier begleitet. Viele Wunderkinder beklagen, dass sie keine Kindheit hatten. Sie auch?

Ich war kein Wunderkind. Als ich jung war, interessierte ich mich für Popmusik und Fußball. Erst mit zwölf bekam ich gute Noten im Fach Klavier, da ging bei mir ein Licht an. Dann habe ich die Studenten meines Vaters am Klavier begleitet, zwölf Jahre lang, jeden Tag, oft bis in den Abend. Ich habe auf vieles verzichtet. Aber ich war glücklich, ich hatte meine Bestimmung gefunden.

„Ich war kein Wunderkind“

Was haben Sie vermisst?

Die freie Zeit mit Schulfreunden. Ich war immer nur mit Erwachsenen zusammen. Heute ist es umgekehrt, ich habe fast nur mit jungen Menschen zu tun, das gibt mir viel Lebensenergie. Vor kurzem traf ich allerdings einen alten Schulfreund wieder, ich nahm ihn mit in seine allererste Oper, „Die Trojaner“ von Berlioz. Oh mein Gott, fünfeinhalb Stunden, ganz schwerer Stoff! Aber es hat ihm gefallen. Zeit ist ja nie verloren – man entdeckt immer etwas Neues und lernt sich selbst dabei kennen.

Was haben Sie von der Musik gelernt?

Wenn man allein ist mit der Musik, dann ist das so, als stünde man vor einem Spiegel, aus dem Brahms oder Beethoven herausblickt und fragt: „Was hast du zu sagen? Wo stehst du? Wo willst du hin? Zeig es mir!“ Wenn ich mich mit sinfonischer Musik beschäftige, schaue ich in mich selbst hinein. Dieses kontinuierliche Selbstgespräch während der letzten vierzig Jahre hat mich als Mensch geformt und weitergebracht.

Die vielen Facetten des Antonio Pappano: Operndirigent, Jazzpianist, Pop-Liebhaber

Sind Sie heute ein anderer Mensch?

Musik hat eine besondere Kraft. Sie macht aus jedem von uns einen besseren Menschen. Das fängt schon in frühester Kindheit an, wenn die Mutter das Baby in den Schlaf singt. Musik ist in dieser wilden, kalten, gefährlichen Welt unbedingt nötig. Aber ich bin kein Snob – ob Bowie oder Beethoven, das ist mir völlig egal.

Sie haben mal gesagt, Popsongs, die in zwei Minuten die Liebe erklären, seien die wichtigste amerikanische Erfindung überhaupt.

Das ist die große Gemeinsamkeit von Pop und Oper, ob in zwei Minuten oder fünf Stunden: die Liebe. Schon als ich jung war, spielte ich alle großen Songs: „All The Things You Are“, „Tenderly“, „My Funny Valentine“, Frank Sinatra, Tony Bennett, Bill Evans, Oscar Peterson … Als junger Mann waren T. Rex oder Earth, Wind & Fire die wichtigsten Bands für mich. Und über allem thronten natürlich die Beatles, aber das kam später.

„Bowie oder Beethoven, das ist mir völlig egal“

Sie haben nie klassisch am Konservatorium studiert, stattdessen traten Sie als Barpianist in der Provinz auf.

Ich war gerade mal 15 Jahre alt, da spielte ich schon im „Red Coach Grill“ in West Haven, Connecticut, eine Cocktail-Lounge. Ich bin dann nicht den üblichen Weg gegangen, also zum Studium nach Wien. Aber ich habe viele Dirigenten beobachtet, für sie gespielt und daraus gelernt.

Als junger Pianist in der Cocktail Lounge, wird man da nicht zwangsläufig zum Frauenschwarm?

Ich war kein Ladykiller. Ich habe niemandem schöne Augen gemacht, ich hatte sie auf den Tasten. Mir blieb aber auch nicht verborgen, dass ich beim Klavierspielen eine besondere Ausstrahlung habe. Meine Finger waren schnell, ich spielte attraktiv, ich war gut.

Seit 2002 ist Antonio Pappano Musikdirektor des Royal Opera House, London. 2014 leitete er Verdis „I due Foscari“ mit Placido Domingo

Heute leiten Sie neben dem Royal Opera House in London auch die Accademia Nazionale di Santa Cecilia. In einem Dokumentarfilm sagt einer der Musiker: „Wir sind nicht das perfekteste Orchester, aber wir berühren die Seele der Menschen.“

Perfektion ist das Ziel, aber sie muss Charakter haben. Musik ist voller Geschichte, sie kennt Auf- und Abstiege, Geheimnisse, Leidenschaften … Alle diese Schattierungen muss man dem Publikum mitteilen, ihm vorführen. Es gibt zu viele perfekte Aufführungen, die den Zuhörer nicht bewegen, weil der Künstler nichts zu sagen hat. Das ist für mich die größte Sünde.

„Perfektion ist das Ziel, aber sie muss Charakter haben“

Vor allem junge Menschen scheinen sich aber nicht für klassische Musik zu interessieren.

Junge Leute können klassische Musik nicht lieben lernen, weil sie kaum noch Gelegenheit haben, sie kennen zu lernen. Klassik soll nur für Eliten sein? Ich kann das nicht mehr hören! Das ist totaler Unfug. Oper ist Livemusik mit vielen Menschen. Sie ist wie ein Rockkonzert – nur die Musik ist anders.

Verwenden Sie deshalb keinen Taktstock mehr?

Ich hatte Probleme mit dem so genannten Dirigentenellenbogen, das ist mindestens so schmerzhaft wie der Tennisarm. Die Problemzone des Dirigenten ist die Muskulatur an Schulter und Nacken, die ist bei mir so ausgeprägt, als wäre ich ein Boxer oder würde Gewichte stemmen. Ich lasse mir Massagen verordnen, aber ich müsste regelmäßiger meine Dehnübungen machen. Seit ich ohne Stab dirigiere, merke ich erst, wie viele Freiheiten ich habe.

„Meine Nackenmuskeln sind so ausgeprägt, als wäre ich Boxer“

Ist Musik ein Rauschmittel?

Ja, es ist wie eine Droge. Die Intensität der Proben, irgendwann brauchst du das täglich, es wird zu deinem Rhythmus. Ich hatte Glück, dass ich in die Welt der „echten“ Musik hineingelassen wurde – damit meine ich: Oper machen, mit großen Sängern arbeiten. Ich komme nicht mehr davon los.

Sein Weg ans Dirigentenpult war eher ungewöhnlich – und auch den Taktstock hat Antonio Pappano inzwischen abgelegt

Können Sie überhaupt abschalten? Oder hören Sie immer Musik in Ihrem Kopf?

Wenn ich Gedichte von Heinrich Heine lese, dann ist alles still. Totale Ruhe. Deutsch ist eine wunderschöne und zugleich sehr deutliche Sprache. Das Wort Handschuh zum Beispiel. Ein blödes Beispiel vielleicht, aber klarer geht es wirklich nicht. Deutsch ist die Sprache der Poesie.

Stellen Sie sich zum Schluss bitte vor, Sie dürften an einen Lieblingsort reisen und einen Komponisten Ihrer Wahl mitnehmen. Wohin geht es, und mit wem?

Einmal im Jahr verbringen meine Frau und ich eine Woche Urlaub auf Mustique. Freunde von uns haben ein Haus auf dieser abgeschiedenen, ziemlich exklusiven Karibik-Insel, dort kann ich alle Anspannung abschütteln. In den vergangenen Jahren hatte ich immer Johann Sebastian Bach dabei, in der tropischen Hitze studierte ich dann die Matthäus-Passion oder die H-Moll-Messe. Bach ist das absolute Genie. Das ist strukturelle, architektonische Perfektion, doch mit Seele, mit Liebe und Glauben. Leider gibt es dort kein Klavier. Gäbe es eines, dann wäre Schumann meine erste Wahl. Es gibt keinen besseren Ort als Mustique, um mit Schumann zu träumen.

Fotos: culture-images, Ullstein, Lorenzo Pesce, ddp, DPA

Kontakt & FAQ