Lounge Chair

„Ich halte Tradition für wichtig, aber ich möchte damit spielen“

Eigentlich sind sich ja alle einig: Es gibt viel zu viel Mode. Zu viele Bilder, zu viele Eindrücke, zu viel Lärm. Alles künstlich. Dabei geht es doch um die Individuen, die sich gut und frei darin fühlen sollen. Dries Van Noten will seine Mode als permanentes Manifest verstanden wissen. Er arbeitet auch für Menschen, die keinen perfekten Körper haben. Um diese Aufgabe zu erfüllen, braucht er Kontakt mit der echten Welt. Als er sein erstes Atelier in Antwerpen bezog, war diese Ecke verrufen und wild. Das war sehr gut, findet er. Heute verbringt er viel Zeit in seinem Garten. Das erdet, hofft er. 

Luitgard Koch (Interview)

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Herr Van Noten, wollen Sie wirklich Männer wieder in Röcke stecken? Daran haben sich doch schon andere Modeschöpfer abgearbeitet …

Warum denn nicht? Männermode ist derzeit aufregender und sinnlicher als Fashion für Frauen. Männer wagen einfach mehr.

Wie weit, glauben Sie, kann man feminines Crossdressing noch vorantreiben?

Da geht mehr, als Sie glauben. Dass Männer problemlos Blumenmuster mit lässiger Virilität tragen können, haben wir leider vergessen. In den Siebzigern zeigten das Pop-Ikonen wie Jimi Hendrix. In den Neunzigern und Anfang der 2000er war Men’s Fashion jedoch total langweilig. Erst ab 2005 wurde es wieder interessant. Aber ich versuche natürlich zu vermeiden, dass Männer das Gefühl haben, sie liefen wie Aliens herum: Ich kreiere Röcke mit einem robusten Touch, das geht mehr in Richtung Punk, dann passt das wieder.

»Ich fand damals nur einen einzigen Hersteller, der mir helfen wollte, meine erste Kollektion zu produzieren.«

Bei Ihrer neuen Männerkollektion ließen Sie sich vom Bildband „Before They Pass Away“ des britischen Fotografen Jimmy Nelson inspirieren …

Weil seine Aufnahmen ein intensives Gefühl von Stolz vermitteln. Mit welcher Würde diese Menschen ihre kulturelle Identität präsentieren, ist unglaublich. Besonders beeindruckt haben mich die einzigartigen Motive der Miou, einer chinesischen Minderheit. Die Verzierungen auf ihren Festtagsjacken mit Silberplättchen und Ketten, die ein Gewicht von über zehn Kilo erreichen können, sind ­eine echte Besonderheit.

Es ist recht ungewöhnlich, dass Sie Ihre Karriere gleich mit Herrenbekleidung begonnen haben. Wie kam’s?

Ich verrate Ihnen mal etwas: Ich fand damals nur einen einzigen Hersteller, der mir helfen wollte, meine erste Kollektion zu produzieren. Das war nun mal zufällig ein Herrenmode-Fabrikant.

Inzwischen möchte man Ihnen hin und wieder den Stempel des „ethnischen Designers“ aufdrücken? Stört Sie das nicht?

Allerdings stört mich das, es stört mich sogar sehr. Es greift viel zu kurz. Ich finde es einfach interessant, dass sich viele Stickereien – ob sie nun aus China oder Indien stammen – technisch sehr ähnlich sind. Blockprint, Batik und bestimmte Webtechniken gehören einfach zur universellen Bekleidungssprache. Ich schätze klassisches Hand­werk, nicht nur Folklore in asiatischen Dörfern, sondern auch Spitze aus Lyon und Savile-Row-Anzüge aus London.

Zu einer der Modenschauen Ihrer Männerkollektion lieferte die Drummerin Cindy Blackman Santana den Soundtrack. Wohl nicht nur, weil sie so gut trommeln kann, oder?

Richtig, das war ein sanftes Lehrstück, mein Kommentar zu den allseits herrschenden Geschlechter­klischees. In der Show trugen die Männer ja auch die Flowerprints – normalerweise sitzen sie am Schlagzeug, und die Frauen tragen die Kleider mit den Blümchen. Genau das wollte ich aufbrechen.

Aufgebrochen haben Sie auch die Sippentradition, wenn man so will: Sie stammen zwar bereits in dritter Generation aus einer Textilfamilie, allerdings haben Großvater und Vater einst Mode verkauft, nicht entworfen.

Mein Vater war enttäuscht, er hat fast zehn Jahre lang daran geknabbert, dass ich nicht in seine Fußstapfen treten wollte. Mein Studium musste ich selbst finanzieren, ich wohnte aber in einem Studio über seinem Geschäft, das war nicht ganz unkompliziert. Ich habe damals nebenbei für einen belgischen Textilhersteller gearbeitet. Sieben kommerzielle Kollektionen, tagsüber entworfen. Nachts arbeitete ich an meinen eigenen. Ich habe mit diesem Job erst 1982 aufgehört, da hatte ich bereits meine erste eigene Show in Paris.

Sie sind das jüngste Kind eines Quartetts. In der Regel übernimmt doch immer der Älteste den Familien­betrieb? Warum nicht in Ihrer Familie?

Mein Bruder und meine Schwestern interessierten sich überhaupt nicht für Mode, er ist jetzt Arzt, meine Schwestern sind beide Biologinnen. Ich war der Einzige, der grundsätzlich an der Branche interessiert war, aber ich wählte dann einen anderen Weg als mein Vater.

Wer hat Sie mehr beeinflusst, Ihr Vater oder Ihr Großvater?

Als Kind hat mich mein Großvater eher eingeschüchtert. In den dreißiger Jahren war er der erste Hersteller von Konfektionskleidung für Männer in Antwerpen und hatte damals bereits 150 Angestellte. Das fand ich sehr beeindruckend. Außerdem hatte der Mann Stil. Er liebte Opern und Reisen. Das ehemalige Kaufhaus „Het Modepaleis“ – heute mein Flagship-Store in der Nationalestraat – gehörte früher dem schärfsten Konkurrenten meines Großvaters.

Würden Sie sich selbst als Traditionalisten bezeichnen?

Schwer zu sagen. Ich halte Tradition für wichtig, aber ich möchte damit spielen. Es ist manchmal reizvoll, sie zu attackieren oder aufzubrechen. Als ich an die Akademie kam, führte die strenge Madame Prijot das Regiment. Für sie bedeutete Mode nur Haute Couture. Coco Chanel war ihre Göttin. Und es gab nur eine Art, wie Frauen ihre Haare zu tragen hatten, nämlich als Hochsteckfrisur. Studentinnen, die ihrer Meinung nach die Haare zu unordentlich trugen, schleppte sie zum Friseur und ließ ihnen auf eigene Rechnung eine ordentliche Frisur verpassen. Im Grunde war es gut, dass sie von der alten Schule war. Denn so hatten wir als neue Garde etwas, wogegen wir rebellieren konnten.

»Ich möchte mich ständig verbessern«

Auch Ihre Mutter war von jener alten Schule, sie liebte belgische antike Spitzen und war bekannt für ihre großen, formalen Tischgesellschaften. Hat Sie das geprägt?

Für mich als Kind war es eher anstrengend. Aber bei meiner Fashion-Show zur 50. Kollektion habe ich mir einen Traum erfüllt und in einer alten Lokomotivfabrik in den Pariser Ban­lieues 400 Gäste bewirtet. Die ellenlange Tafel wurde danach zum Catwalk für meine Models, die sich ihren Weg durch den Parcours aus Kristallgläsern bahnten.

Ihre Ausstellung „Inspirations“ im Musée des Arts Décoratifs im Pariser Louvre war ein voller Erfolg. Jetzt zeigen Sie die Schau auch in Ihrer Heimatstadt Antwerpen, allerdings mit starken Veränderungen. Kann es sein, dass Sie die Erziehung an einer Jesuitenschule wieder eingeholt hat?

Schon möglich … Ich bin oft ziemlich streng mit mir und verzeihe mir Fehler nicht so leicht, ich möchte mich ständig verbessern. Einfach mal zu sagen: „Das reicht jetzt schon, das ist gut genug“, diese Einstellung ist mir fremd.

Was reizt Sie besonders am Spannungsfeld zwischen Mode und Kunst?

Ich liebe die Sinnlichkeit der bildenden Kunst. Dabei versuche ich nicht, sie zur bloßen Staffage meiner Kollektionen zu degradieren. Gleichzeitig bemühe ich mich, dass auch meine Entwürfe nicht vor der Kunst verblassen. Mode und Kunst sind für mich keine Gegensätze, sondern sie sollten eine kreative Liaison eingehen. Im besten Fall erkennt man ihre Wahlverwandtschaft.

Oscar Wilde meinte, man solle entweder ein Kunstwerk sein oder eines tragen …

So weit würde ich nicht gehen. Aber als ich die Francis-Bacon-Retrospektive in der Tate Britain besuchte, war ich total aufgewühlt, fast krank, schockiert von der Grausamkeit und der gleich- zeitigen Schönheit. Die effektvollen, drastisch verzerrten ockerfarbenen und orangen Schatten seiner Bilder verwandte ich dann für die Stoffe meiner Kollektion. Aber selbst danach hieß es, ich sei bloß ein „ethnischer Designer“.

Sammeln Sie selbst Kunst?

Ja, ich sammle, aber zufällig. Mein erster großer Auktionskauf stammt von dem belgischen Porträtmaler Georges Van Zevenbergen. Ich sammle nicht nach einem System, sondern nehme, was mich wirklich anspricht. Selbst Sachen, die auf den ersten Blick keinen Wert haben. Manchmal bin ich glücklicher mit einem Fund auf dem Flohmarkt als mit einem teuren Kunstwerk.

Zur Mode und zur Kunst ist eine dritte große Liebe gekommen, Ihr Garten. Was fasziniert Sie dort?

Die Modewelt ist mir oft zu hektisch und zu oberflächlich. Wenn ich im Garten arbeite, entspanne ich mich. Wir haben einen großen Gemüsegarten, aber auch Apfel- und Birnbäume. Wenn ich sehr nervös bin, dann brauche ich etwas, bei dem ich sofort ein Resultat sehe, das mich zufriedenstellt. Denn eine neue Kollektion zu entwerfen kostet Zeit. Wenn wir einen Stoff dafür herstellen, dauert es mindestens zwei Monate, bis er fertig ist. Da ist es manchmal sehr befriedigend, Marmelade zu kochen. Nur zwei Stunden Arbeit, und man hat 36 Gläser bester Marmelade.

Was für ein Tempo! Welche Sorte ist bei Ihnen besonders beliebt?

Das wechselt. Ich bin so erzogen worden, nichts wegzuwerfen, sondern für alles dankbar zu sein, was Gott uns schenkt. Manches Jahr haben wir viele Erdbeeren, ein anderes Mal Himbeeren, Johannisbeeren oder Quitten. Und daraus machen wir dann etwas. Vieles verschenken wir an Freunde und Bekannte. Einmal ernteten wir Unmengen von Zucchini, dann habe ich drei Wochen nur Zucchini gekocht. Inzwischen kenne ich fast 50 Arten, sie zuzubereiten.

Hatten Sie schon immer diesen speziellen Zugang zur Natur?

Mein Vater war ein passionierter Gärtner. Als Kinder mussten wir jedes Wochenende in unserem Haus auf dem Land Unkraut jäten. Damals hasste ich die Gartenarbeit und das Landleben, vor allem als Jugendlicher. Ich wollte möglichst schnell zurück in die Stadt. Heute dagegen ist Gärtnern meine große Leidenschaft, ich bin total glücklich auf dem Land.

Können Sie sich an den Moment erinnern, als die Liebe zur Natur und zum Landleben aufflackerte?

Das war Jahre später, als ich mit Patrick (Patrick Vangheluwe, sein Partner im Leben und Geschäft, d. Red.) englische Landhäuser und ihre wundervollen Gärten besichtigte. Ich verliebte mich in diese Gärten und pflanzte in unserem winzigen Stadtgarten in Antwerpen alles an, was mir in die Hände fiel. Die Terrasse brach fast zusammen unter dem Gewicht der Blumentöpfe. Der nächste Schritt war dann der Kauf von Ringenhof.

»Ein Garten offenbart zwölf Monate lang seine Pracht«

Das ist Ihr palladianisch-klassizistisches Herrenhaus in Lier, ein 1840 errichtetes kleines Juwel. Man erzählt sich, Sie hätten es dezidiert gekauft, um Ihre Beziehung zu retten. Stimmt das?

Ja, das war tatsächlich ein Grund, wenn auch nicht der einzige. Ich habe Ringenhof vor zehn Jahren von der legendären Botanikerin Jelena de Belder gekauft, meiner „Gartenmutter“. Ohne das Ringenhof-Projekt hätte meine Beziehung mit Patrick wohl nicht überlebt. Wenn wir nicht aufgehört hätten, dauernd nur über unsere Arbeit, die Probleme mit der Lieferung, mit den Stoffen zu sprechen, hätten wir uns ab einem bestimmten Moment auf einer persönlichen Ebene nicht mehr wahrgenommen. Außerdem haben wir damit rein räumlich eine wohltuende Distanz zu unserem Headquarter in Antwerpen geschaffen.

Das Landidyll hat Ihre Liebe erneut beflügelt?

Sagen wir, es hat dazu beigetragen. Das allein reicht nicht. Das Wichtigste ist immer gegenseitiger Respekt. Patrick ist wie ein Resonanzboden für mich, der meine oft wilden Ideen erdet. Aber letztlich treffe ich die Entscheidungen – auch nicht immer einfach. exclusive: Haben Sie neben der Zeit auf dem Land und im Geschäft denn noch die Muße, viel unterwegs zu sein? van Noten: Früher sind wir öfter nach Mumbai gereist. Indien hat mich sehr beeindruckt. Doch wie Michel Foucault sagte: „Der Garten ist die kleinste Parzelle der Welt, und das ist die ganze Welt.“ Für mich stimmt das. Seit ich Ringenhof habe, gibt es zu jeder Jahreszeit nichts Schöneres für mich. Die Natur zeigt ihre Herrlichkeit jeden Tag, das ganze Jahr über. Und ein Garten offenbart zwölf Monate lang seine Pracht.

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