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Im Labor des Wohlbefindens

Er begann mit selbstgebastelten Hanteln, heute stattet er die Olympischen Spiele aus: Nerio Alessandri ist Selfmade-Unternehmer, Wellness-Botschafter und Pionier der Fitness-Szene. Eine Begegnung in seinem Technogym Village bei Rimini

Volker Marquardt

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Es ist ein Idyll wie aus einem Science-Fiction-Film. Ein Reiher setzt in aller Ruhe zur Landung an, Rasenmäher-Roboter umrunden die Zypressen und Lavendelbüsche, Lounge-Musik tönt aus den Lautsprechern im Schilf. Ein heller, mehrteiliger Glasbau schmiegt sich wellenartig in die grüne Hügellandschaft von Cesena bei Rimini. Das Technogym Village, ein Entwurf des italienischen Star-Designers Antonio Citerrio, erinnert eher an den Google Campus in Kalifornien als an ein Fitness-Zentrum: Es ist Wellness-Tempel, Fabrik und Labor zugleich.

In der Empfangshalle sitzt der Technogym-Gründer Nerio Alessandri in einem etwas zu hohen Designersofa, er schleudert kurze Sätze heraus wie „healthy planet, healthy people“ oder „health is wealth“. Vor vier Jahren verkündete er beim Weltwirtschaftsforum in Davos sein Ideal einer „Wellness Economy“: Gesundheit, so Alessandri, sei nicht nur gut für jeden Einzelnen, sondern auch für die Regierung, weil sie weniger Geld ausgeben muss, und für die Industrie, denn gesunde Mitarbeiter sind kreativ und produktiv. Wie kommen wir dorthin? Mit mehr Bewegung. „Der menschliche Körper ist dafür gebaut, 30 Kilometer am Tag zu laufen. Heute legen wir im Schnitt aber nur 500 Meter zurück", konstatiert Alessandri, „ich will diese Lücke schließen.“

Nerio Alessandri ist Selfmade-Unternehmer, Wellness-Botschafter und Pionier der Fitness-Szene

Muntere Arbeitswelten

Im Technogym Village kann man schon besichtigen, wie sich Alessandri die Wellness-Welt der Zukunft vorstellt. „Unser Parkplatz liegt in einiger Entfernung zu den Büros, damit wir vor der Arbeit noch ein paar Schritte gehen müssen“, so Alessandri. In den Besprechungsräumen sitzen die knapp 1000 Mitarbeiter auf rückenschonenden Gymnastikbällen, vor dem Aufzug werden sie mit großen Lettern aufgefordert, die Treppe zu benutzen („Don’t waste energy“), Hinweistafeln raten zu „energiesparendem Lächeln“ oder „gesundem Frühstück“. Vor den Kaffeeautomaten stehen Sportgeräte.

Die einzelnen Abteilungen dieser munteren Arbeits-Fitness-Welt stehen in Konkurrenz zueinander. Das hält die Motivation hoch. Ob im Büro oder zu Hause, jede Bewegung wird per Fitness-Tracker gemessen. Momentan liegt die Forschungsabteilung deutlich vorne. Die anderen können aber aufholen, indem sie auf dem Basketball-Court, der Laufstrecke oder auf den zahllosen Geräten in den Gebäuden weitere „Moves“ sammeln – die Mittagspause darf dafür auf bis zu zwei Stunden ausgedehnt werden. Kaum möglich, hier nicht gesund zu leben.

Zur Eröffnung des Village 2012 kam Bill Clinton. Er ist nicht die einzige Berühmtheit unter den Besuchern. Tennis-Profi Rafael Nadal ließ sich für 100 000 Dollar ein komplettes Studio einrichten, für Fernando Alonso konstruierte die wissenschaftliche Abteilung eine Art Formel-1-Cockpit für spezielles Nackentraining. Besonders beeindruckt war Alessandri aber von Bill Gates: „Er hat sich der sozialen Verantwortung verschrieben wie nur wenige Unternehmer. Diesen humanitären Ansatz verfolge ich auch – wenn auch in kleinerem Rahmen.“ Bereits 2003 hat Alessandri die Non-Profit-Organisation „Technogym Foundation“ gegründet, er nennt es sein „Laboratorium zur Steigerung der Lebensqualität“.

Im Technogym Village kann man schon besichtigen, wie sich Alessandri die Wellness-Welt der Zukunft vorstellt

Der Weg zum Erfolg

Angefangen hat alles, so die Legende, in der elterlichen Garage. Dort schweißte der gelernte Produktdesigner mit 22 Jahren sein erstes Fitness-Gerät zusammen. Von diesem rot lackierten „Hack Squat“, der heute im firmeneigenen Museum steht, war der Besitzer eines Bodybuilding-Studios so angetan, dass er prompt drei weitere orderte. Alessandri hatte keine Mühe, ein paar spezialisierte Kleinbetriebe zu finden, die für ihn Metallteile fräsen: In der Gegend lassen auch Ferrari, Lamborghini und Maserati fertigen. Seine Familie allerdings hatte nicht mal ein Telefon. Also sah man den jungen Mann oft mit einer schweren Plastiktüte zur Telefonzelle gehen – sie war voller Münzen.

Der Durchbruch gelang 1986 mit der ersten Kraftstation für den Heimgebrauch. Die „Unica“ wird heute noch auf einer der 16 Produktionsstraßen in der „T Factory“ in Cesena montiert. Seither hat sich Alessandri, der noch immer „Produktdesigner“ als Beruf auf seine Visitenkarten drucken lässt, immer wieder auf neue Fitnessmoden eingestellt. Als in den 90er Jahren das Bodybuilding von der Cardio-Ära abgelöst wurde, entwickelte er Laufbänder und Crosstrainer wie den „Vario“. Auch für den aktuellen Trend „Omnia“, eine Art Zirkeltraining in der Gruppe, gibt es bereits die entsprechende Station mit Bällen, Ringen und Seilen.

Alle Daten werden in der "My Wellness“-Cloud gespeichert – weltweit, egal an welchem Gerät

Die Wellness-Wolke

Heute verlassen jährlich 150.000 Geräte die Fabrik in Oberitalien, der weltweite Umsatz kletterte 2013 auf über 400 Millionen Euro. Wegen der Wirtschaftskrise sei der Markt in Italien „aktuell sehr schwach“, räumt Alessandri ein. Dafür habe sich der Umsatz in Deutschland bei 30 Millionen Euro stabilisiert, in den USA sei er sogar deutlich gestiegen. „Die Leute investieren in Dinge, die ihnen wichtig sind – und Gesundheit ist das Wichtigste“, sagt er. Und legt nach: „Health is the new luxury.“ Auch im Mittleren Osten scheint sich diese Erkenntnis durchzusetzen, zusammen mit Afrika macht er bereits 15 Prozent des Umsatzes aus.

Diesen internationalen Markt bedient auch das neue Computer-Interface. Auf der ganzen Welt kann man sich jetzt mit seinem Smartphone auf einem Technogym-Gerät einloggen und sein persönliches Fitnessprogramm starten – egal, in welchem Hotel, Club oder Kaserne. Gespeichert werden alle Bewegungsdaten in der „My Wellness“-Cloud. Auch das Einkaufen oder Gassi-Gehen. „Unser Ziel ist es, alle körperlichen Aktivitäten zu verbinden“, sagt Alessandri, „wir wollen eine starke Wellness-Community aufbauen und die Menschen mit Spaß zu mehr Bewegung motivieren.“

In Alessandris Welt ist alles aufeinander abgestimmt. Der Tag neigt sich schon dem Ende zu, da fällt der Blick des Chefs auf einen Faden auf dem Boden. Er entsorgt ihn eigenhändig in seiner Hosentasche. Draußen fliegt der Reiher wieder auf. „Auch der Vogel arbeitet für uns“, scherzt eine Mitarbeiterin und blickt durch die Glasfenster über das perfekt geschnittene Grün.

Fotos: Manfred Jarisch

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