Cheyenne Westphal jagt und kauft Kunst für das renommierte Auktionshaus Sotheby’s.
Lounge Chair

Die Kunstjägerin

Cheyenne Westphal jagt und kauft Kunst für das renommierte Auktionshaus Sotheby’s. Eine Begegnung in London

Thilo Komma-Pöllath

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Ihr wertvollstes Stück

Belstaff, Fendi, IWC oder Jimmy Choo – dass das Schöne seinen Preis hat, zeigt sich in der New Bond Street mitten im teuersten Londoner Stadtteil Mayfair in nahezu jedem Schaufenster. Hier wird Ware so inszeniert, dass sie beinahe zu Kunst wird. Gleich gegenüber, beim weltberühmten Auktionshaus Sotheby’s, verhält es sich genau umgekehrt: Die Kunst wird zur Ware.

Über verwinkelte Flure und Treppen, durch gesicherte Türen gelangt man in den dritten Stock zum Büro von Cheyenne Westphal. Die Apothekerstochter aus Baden-Baden leitet die Abteilung für zeitgenössische Kunst und ist maßgeblich für die Rekordversteigerungen der vergangenen Jahre verantwortlich. Nicht nur ihre Kunden, auch Kollegen schätzen das ehrliche Urteil von Westphal. Expertise, Menschenkenntnis und detektivisches Gespür zeichnen sie aus.

"Es geht darum, Kunst teuer zu machen"

Ihr Arbeitszimmer ist hinter einer Schiebetür versteckt und wirkt dezent: ein Sofa und ein kleiner weißer Schreibtisch mit Computer, daneben ein Foto ihres Sohnes Jesper. Erstaunlich: Kunst sucht man an den Wänden vergebens. Ihr wertvollstes Stück ist ihr Adressbuch.

Ausgerechnet zeitgenössische Kunst

Der Markt für zeitgenössische Kunst boomt. Die ganze Welt will kaufen, die Preise explodieren – trotz Finanz- und Eurokrise. Wie kommt das?

Cheyenne Westphal: Ja, es ist eine goldene Ära – vor allem weil die Käuferschicht global geworden ist. Und immer mehr Menschen erkennen, dass Bilder einen Sachwert haben. Wer hier morgen Abend einen Lucio Fontana kauft, kann ihn in zwei Jahren gewinnbringend verkaufen. Die meisten zeitgenössischen Bilder sind eine gute Wertanlage mit deutlich zweistelligen Renditen.

Aber warum gerade zeitgenössische Kunst?

Bei den alten Meistern kommt es selten vor, dass wir eines ihrer wichtigen Stücke hervorziehen können. Im Zeitgenössischen dagegen gibt es viele wichtige Werke, die auf den Markt kommen. Bei der Auktion im November 2014 in New York hatten wir drei fantastische Arbeiten von Mark Rothko aus der Sammlung der Philanthropin Bunny Mellon. Sie lebte zurückgezogen in Kentucky, hat aber die großartigste Kunst gesammelt. Mit solchen Meisterwerken zu arbeiten ist ein grandioses Vergnügen.

Sie werden „Die Bildjägerin“ genannt. Was braucht man, um erfolgreich auf die Jagd zu gehen?

Expertise, Menschenkenntnis, Sprachen – und die Fähigkeit, einen Deal zum Abschluss zu bringen. Es ist ein zyklischer Prozess. Am Tag nach einer Auktion denke ich: Meine Güte, jetzt wieder von vorn!? Da komme ich mir vor wie Sisyphos, der wieder den Berg hochmuss. Aber wenn die ersten 15 Bilder in der Auktion sind, spüre ich: Es funktioniert wieder.

Wir arbeiten sehr detektivisch

Nach welchen Künstlern halten Sie besonders aufmerksam Ausschau?

Die Deutschen wie Gerhard Richter, Georg Baselitz, Sigmar Polke, Anselm Kiefer, Martin Kippenberger, der Ire Francis Bacon und der Brite Lucian Freud, und natürlich der Amerikaner Andy Warhol. Wir betreuen unsere Kunden oft jahrelang, etwa bei Schätzungen der Bilder durch die Versicherung, und wir nutzen die Gelegenheit, über diese Bilder zu sprechen: Der Wert hat sich geändert, könnten Sie sich vorstellen zu verkaufen? Dass mir ein Gespräch verweigert wird, passiert selten. Wir haben ein großes Netzwerk und wissen viel darüber, wer was wann verkaufen will. Aber wir arbeiten auch sehr detektivisch.

"Ich habe noch nie ein Bild bekommen, nur weil es hieß, die hat so schön gelächelt"

Wie viel Ellenbogen ist nötig, wie viel weiblicher Charme?

Ich habe noch nie ein Bild bekommen, weil es hieß, die hat so schön gelächelt. Natürlich gibt es auch schwierige Kunden, da muss man gegenhalten können.

Zu Ihren Konkurrenten gehört auch der legendäre New Yorker Galerist Larry Gagosian. Man hört, er ist nicht zimperlich ...

Es wird schon mal etwas robuster, aber angebrüllt haben wir uns noch nie. Wenn der Kunde lieber mit Herrn Gagosian zusammenarbeiten will, dann kann ich mich darüber ärgern – viel dagegen unternehmen kann ich aber nicht. Kunsthandel ist ein Risikogeschäft, man darf dem Kunden keine falschen Versprechungen machen.

Die Kunstwelt ist eine kommerzielle Welt

Ihr Wirtschaftsstudium haben Sie zugunsten der Kunstgeschichte abgebrochen. Stört es Sie manchmal, Kunst mit Geld zu beziffern?

Nein. Kurze klare Antwort (lacht). Die Kunstwelt ist eine kommerzielle Welt. Es geht darum, Kunst teuer zu machen. Wenn mir das nicht liegen würde, wäre ich ins Museum gegangen.

Sollte Kunst nicht genau dort allen zur Verfügung stehen? Und nicht nur denjenigen, die es sich leisten können?

Wir sind alle nur Teilbesitzer der Kunst. Wirklich große Kunst kommt am Ende fast immer im Museum an.

Wie viel Provision streicht Sotheby's ein?

Unsere Käuferkommission ist klar geregelt und nicht verhandelbar, sie wird gestaffelt auf den Hammerpreis berechnet. Bei einem Bild, das eine Million Pfund kostet, fängt unsere Provision bei 25 Prozent an und geht, je höher der Verkaufspreis steigt, bis auf zwölf Prozent herunter.

Was ist eigentlich so faszinierend am Kunsthandel?

Kunst ist etwas, das bleibt. Gagosian sagte mir mal, er stelle niemanden ein, der nicht selbst Kunst sammeln möchte. Du musst es im Blut haben, musst es selbst besitzen wollen, um gut verkaufen zu können.

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