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Der Kaufmann der Inseln

Eine kleines Reich ganz für sich selbst? Farhad Vladi kann diesen Traum wahr machen. Seit 40 Jahren handelt er mit Inseln in aller Welt – für all jene, die mal so richtig rauskommen wollen

Tiemo Rink (Text)

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Musketen sind ja nicht jedermanns Sache. Wenn man als Kind "Robinson Crusoe" gelesen hat, jene berühmte Geschichte vom Seefahrer, der auf einer Insel strandet, dann schrecken einen auch solche Waffen nicht. Wenn die Lektüre so begeisternd war, dass man später Inselverkäufer wurde. Und wenn Jahrzehnte später die schottische Ur-Ur-Ur-Enkelin jenes Seefahrers stirbt, der das Vorbild war für die Romanfigur, und sie in ihrem Testament erklärt, dass es für die antike Schusswaffe des Gestrandeten keinen würdigeren Erben gebe als ihn: Farhad Vladi, Hamburger, 69 Jahre alt, Inselverkäufer seit mehr als vier Jahrzehnten.

Was macht man dann? Man ziert sich, sagt, dass man das kostbare Geschenk nicht annehmen könne, nur weil man vor einiger Zeit miteinander Geschäfte gemacht habe. Bis dann der Sohn der Verstorbenen kommt und Fakten schafft: Testament ist Testament, keine Diskussion, die Muskete kommt nach Hamburg. Und da liegt sie nun, in einem Büro mit Blick auf die Binnenalster. Im Schaft ist die Jahreszahl 1705 eingeritzt, ebenso wie der Name Alexander Selkirk – der Name des Seefahrers, der Daniel Defoe zu seinem Roman inspirierte.

„Mensch, ich kauf mir morgen eine Insel!“

Alles begann, als der 18-jährige Farhad Vladi mit seinem Freund Jakob im Café verabredet ist, der ihn aber warten lässt. So fällt der Blick auf eine Zeitung und die Geschichte von einem Unbekannten, der für nur 5000 DM eine Insel gekauft hat. „Mensch, Jakob, ich kauf mir morgen eine Insel“, hat er gesagt, als der schließlich kam. 5000 DM – die hätte er schon irgendwie zusammengekratzt. Eltern und Verwandtschaft anpumpen, das wäre gegangen. Geht aber doch nicht, stattdessen soll es eine Ausbildung in der Bank sein, erstmal etwas Seriöses, die Eltern wollen es so.

100 DM schickt Vladi Anfang der Siebziger Jahre an eine Zeitung auf den Seychellen. Die möchten bitte ein Inserat schalten: „Insel zum Kauf gesucht“. Was Vladi nicht weiß: Für 100 DM bekommt er dort eine ganze Zeitungsseite. Bald darauf meldet sich ein Insulaner bei ihm.

Die Insel Big La Mouna im Ponhook Lake, Kanada, ist noch unbewohnt

300.000 DM will Vladis erster Kunde für seine Insel haben. Vladi fertigt ein Exposé, zieht durch die Hamburger Gesellschaft und bietet die Insel an. So lange, bis drei Hamburger Kaufleute zuschlagen. Für Vladi gibt es drei Prozent Provision, macht 9000 DM. „Für mich als junger Mann war das wahnsinnig viel Geld“, sagt er.

Mittlerweile sind in seinem Archiv rund 12.000 Inseln aus gut 40 Ländern versammelt. Ein Datenschatz, den er über Jahrzehnte aufgebaut hat. Wenn irgendwo auf der Welt eine Insel den Besitzer wechselt, ist er meist beteiligt. Aktuell hat er etwa 120 Inseln im Angebot. Zwar denken die meisten Kunden bei Inseln an Palmen, Sandstrand und ständigen Sonnenschein. Aber Palmen und ständige Sonne schließen sich nun einmal aus: Gelegentlich muss es halt regnen, sonst hat man zwar immer gutes Wetter, aber keine einzige Pflanze auf der Insel.

„Alles, was nervt, gibt es da nicht“

Anders gesagt: Tropische Inseln sind fein, Inseln vor der kanadischen Küste oder in Nordeuropa aber auch. Whispering Trees heißt eine der Inseln im Osten Kanadas – gut geeignet zum Angeln, Kanufahren, Erkunden der Natur. Das ist die eine Inselvariante. Die andere könnte beispielsweise Taiaro sein – ein Atoll in Französisch-Polynesien mit einer 12 Quadratkilometer großen Lagune. Alles Geschmackssache, findet Vladi. Das Hauptargument für eine eigene Insel sei ohnehin immer dasselbe: Absolute Ruhe. „Man kommt an, und alles, was zuhause nervt, gibt es da nicht: Keinen Verkehr, keinen Stress, keine schlechten Nachrichten.“

12.000 Inseln aus etwa 40 Ländern führt Farhad Vladi mittlerweile in seiner Kartei

Diese Abgeschiedenheit hat in den vergangenen Jahren immer öfter auch NGOs und Staaten zum Inselkauf animiert. Insbesondere wenn auf den Inseln seltene oder bedrohte Tiere oder Pflanzen leben. Mehr als 200 Inseln hat Vladi an den kanadischen Staat verkauft. Als Makler ist er zwar verpflichtet, alle Angebote an den Verkäufer weiterzuleiten, aber Empfehlungen spricht er schon aus. Je mehr die Kunden eine Insel in ihrer natürlichen Form erhalten wollen, desto besser, findet er.

„Johnny Depp braucht nur einen Anlegesteg“

Neben dem Kauf spielt auch die Pacht eine immer größere Rolle. Und gerade Prominente neigen – anders als gedacht – eher zur Miete. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie Johnny Depp, an dessen Inselkauf Vladi beteiligt war. Der Schauspieler ist in Sachen Naturschutz ein fast idealer Käufer – sofern man bei einer Anreise von oft mehreren Tausend Kilometern mit Flugzeug und Schiff noch von Naturschutz sprechen mag. „Depp hat nur einen Anlegesteg gebaut, die Insel ansonsten unberührt gelassen“, sagt Vladi. Zum Urlaub kommt er mit der Jacht, legt am Steg an, spaziert über seine Insel, doch er isst und schläft an Bord.

Internationale Superstars sind die Ausnahme in Vladis Kundendatei. Die Mehrheit der Käufer ist eher unbekannt, viele Freiberufler sind darunter. Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte, aber auch selbstständige Handwerker. Erst vor Kurzem habe ein Tischler mit vierköpfiger Familie eine Insel in Kanada gekauft, nun baue er dort ein Haus, Stück für Stück. „Die Insel ist weg, die kommt nie wieder auf den Markt“, sagt Vladi. Eine Familienangelegenheit: Wenn die Kinder dort aufwachsen und schöne Erinnerungen an diese Zeit haben, dann werden sie nie verkaufen, oder nur, „wenn es wirklich in der Tasche kneift“.

Die Isola di Loreto im Iseosee befindet sich in Privatbesitz der italienischen Waffendynastie Beretta

Die Zeiten der großen Renditejagd sind ohnehin vorbei. In der Immobilienblase stiegen auch die Preise für Inseln stark an – ein absurdes Rennen. Für eine Inselpacht auf den Philippinen seien damals 1,5 Milliarden Euro aufgerufen worden. „Das sind für mich betrügerische Tendenzen“, sagt Vladi. Momentan schrumpft der Markt sich gesund, und Vladi wirkt darüber nicht einmal besonders bekümmert.

Whispering Trees zum Beispiel, die kanadische Angel-Insel, steht derzeit für knapp 45.000 Euro zum Verkauf. Das ist die Untergrenze. Die Obergrenze wäre neu gesetzt worden, wenn die Gruppe chinesischer Käufer im vergangenen Jahr tatsächlich für 166 Millionen Euro Land vor der Küste Panamas gekauft hätte. Dann aber stellte sich heraus, dass das US-Militär auf der Insel nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Waffen vergraben hatte. Die müssen jetzt entfernt werden, vorher kauft da keiner, prophezeit Vladi.

Und vielleicht rechnet sich der Inselkauf für die Kunden am Ende sogar auch ohne steigende Rendite: Inseln sind schließlich immer auch der Ort, an dem sagenhafte Schätze verbuddelt sein sollen. Wer Robinson Crusoes Muskete sucht, käme allerdings zu spät.

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