Best dressed

Der goldene Schnitt

Bislang galt die Londoner Savile Row als erste Adresse für hochwertige Maßanzüge. Doch auch in Deutschland gibt es immer mehr exzellente Herrenschneider

Alexa von Heyden

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Es gibt diese Geschichte von Coco Chanel, die während eines Mittagessens im Hotel Ritz in Paris zwischen Hauptgang und Dessert eine kleine Schere aus ihrer Tasche geholt haben soll, um damit ihrem Freund Gunter Sachs die Knöpfe vom Ärmel seines Jacketts zu schneiden. „Kein Knopf ohne Knopfloch!“, begründete die Modeschöpferin ihren Eingriff. Gunter Sachs muss damals einen Anzug von der Stange getragen haben. Wäre es ein Maßanzug gewesen, hätten die Knöpfe an seinem Ärmel „funktioniert“ und wären nicht nur Zierde gewesen.

Ein Anzug nach Maß ist die eleganteste Kleidung, die ein Mann tragen kann. Unwillkürlich denkt man dabei an die Londoner Savile Row oder neapolitanische Schneiderkunst. Ganz bestimmt aber denkt man nicht an Leipzig, Berlin-Kreuzberg oder das Hamburger Karolinenviertel. Doch die Zahl exzellenter heimischer Herrenschneider, die das Handwerk mit Nadel und Faden ebenso gut beherrschen wie ihre britischen oder italienischen Kollegen, steigt beständig.

Die Vorzüge eines Anzuges nach "sartorialer Art", also nach Art des Schneiders, liegen nicht allein im präzisen Schnitt, der Problemzonen umspielt und Vorzüge unterstreicht. Es ist schon ein besonderer Luxus, ein einmaliges Kleidungsstück nur für sich selbst mitgestalten zu können – angefangen bei der Auswahl der feinsten Stoffe, die der Markt zu bieten hat, über die Form des Revers bis hin zum Garn der handumsäumten Knopflöcher oder der Farbe für das Innenfutter der Jacke. Maßanzüge stehen außerdem für Effizienz: Wer sich vom Schneider einmal von Kopf bis Fuß hat vermessen lassen, muss nie wieder mühsam shoppen gehen.

Das Atelier von Purwin & Radzcun befindet sich in einer Kreuzberger Altbauwohnung

Die coolen Berliner: Purwin & Radzcun

Den perfekten Sitz eines Maßanzugs erkennt man sofort. Aber da ist noch etwas anderes, sagt Martin Purwin, etwas, das eher von innen wirkt: Das gute Gefühl beim Tragen. „Dieses Gefühl schenkt nicht nur Komfort, es macht gute Laune.“ Und die sieht man natürlich auch.

Der Textilkaufmann Purwin, der Gastronom Boris Radczun (Pauly Saal) und der britische Schneider James Whitfield (Anderson & Sheppard) haben ihr Atelier Purwin & Radzcun nicht auf dem Kurfürstendamm, sondern in einer Kreuzberger Altbauwohnung. Ihre Maßanzüge wirken hier umso begehrenswerter. Purwin & Radzcun veranstalten aber auch so genannte „Trunk Shows“ in Frankfurt oder München. „Schneider reisen immer, das ist eine alte Tradition“, sagt Martin Purwin, der früher bei Armani gearbeitet hat. Bei diesen „Maßtagen“ wälzen die Kunden Stoffbücher mit 5000 Stoffen – und wählen daraus ihren Favoriten.

„Vor allem bei der Jacke hat Handarbeit viele Vorteile“, sagt Purwin. Kragen, Revers und die Einlagen aus Canvas und Rosshaar werden von Hand pikiert, also mit vielen kleinen Stichen zusammengeheftet – der Stoff fällt weich und elegant über die Brust. „Ganz im Gegensatz zu den starren, maschinengenähten Anzügen, bei denen das Revers meist geklebt wird.“ Die Jacke sitzt dann nicht wie eine Rüstung, sie wird zur zweiten Haut.

Das gilt für die Standards wie den blauen Zweireiher ebenso wie für etwas exzentrischere Wünsche. Vor einiger Zeit bestellte eine Dame einen „White Tie“ für sich – einen Frack, wie er eigentlich nur bei ganz großen gesellschaftlichen Anlässen getragen wird – von den Herren.

http://purwin-radczun.com/

Hervorragende Verarbeitung und hochwertige Materialien sind typisch für die Anzüge von Herr von Eden

Der Edel-Punk: Herr von Eden

Der Stil des Hamburger Labels ist einen Tick exaltierter als der des klassischen Herrenausstatters. Nicht nur viele Manager der Musikbranche, auch die Stars persönlich – Jan Delay, Max Herre oder die Herren von Rammstein – lassen sich bei Herr von Eden (kurz: HvE) mit Maßkonfektion einkleiden. „Bei einigen sehr treuen Kunden sehe ich fast die Gefahr eines Abhängigkeitsverhältnisses“, sagt Inhaber Bent Angelo Jensen. Es klingt nur halb scherzend.

Jensen legte den Grundstein für seine Karriere Ende der neunziger Jahre im Hamburger Karolinenviertel mit einer Secondhand-Boutique namens „24 Hours – 24 Cabins“, in der er gebrauchte Jeans und Hemden verkaufte, bevor er als einer der Ersten den Trend weg von der lässigen Jeans-und-Sakko-Nummer, zurück zur gehobenen Herrengarderobe erkannte. Er fing an, Vintage-Anzüge nicht nur zu verkaufen, sondern mit Vergnügen selbst zu tragen. Inzwischen gilt er als Stilikone deutscher Dandys, seinen Stil bezeichnet er selbst als „Windsor Punk“.

Hervorragende Verarbeitung, hochwertige Materialien und die Liebe zum Detail zeichnen seine Anzüge aus (ab 899 Euro). Zweimal im Jahr gibt es eine neue HvE-Kollektion, aus der man sich einen Schnitt aussuchen kann. Die restliche Gestaltung ist vollkommen frei: Der Kunde entscheidet über Ober- und Futterstoffe (sie stammen von führenden Webereien wie Scabal oder Holland & Sherry). Er wählt auch die Knöpfe, Farbe des Kragenfilzes, Applikationen und eingestickte Initialen. Für eine "Chefbehandlung" von Bent Angelo Jensen vereinbaren die Kunden einen Termin ganz unkompliziert per Email unter atelier@herrvoneden.com.

http://herrvoneden.com/

Jan Suchy nimmt sich viel Zeit für seinen Kunden

Der stille Minimalist: Jan Suchy

Jan Suchy begreift sich als Handwerker mit einem klaren Auftrag: In einer vernünftigen Zeit und zu einem konkurrenzfähigen Preis ein gutes Produkt zu schaffen. Deshalb konzentriert er sich auf das Wesentliche.

Aus ganz Deutschland kommen Menschen nach Leipzig, um sich von ihm einen Anzug anfertigen zu lassen – nicht nur Banker, Anwälte oder Konzernvorstände, für die ein Anzug zur unentbehrlichen Arbeitskleidung gehört. „Das Interesse an der Schneiderei wird größer, jede Altersklasse oder Berufsgruppe ist vertreten“, sagt Suchy. Es kommen sogar Väter, die ihren Söhnen zeigen wollen, wie handwerkliche Qualität aussieht. „Die Jungs bekommen dann zum Abschlussball ihren ersten Anzug geschenkt.“ Bis zu vier Termine braucht er, um bei einem Neukunden Maß zu nehmen und alle Anpassungen entsprechend der figürlichen Vorgaben vorzunehmen.

Maßschneiderei ist Millimeterarbeit. Wenn die Schultern nicht ganz auf gleicher Höhe liegen oder der Bauch sich wölbt, modelliert der Schneider den Anzug auf den Körper des Kunden hin. Er muss sich darauf verstehen, behutsam, aber ehrlich seine Meinung kundzutun – nicht jede Sakko- und Hosenform ist für jede Figur geeignet. Jan Suchy spricht von einem „Kennenlernen", bei dem ein Vertrauensverhältnis entsteht. Es gibt Männer, die haben 20 Anzüge von ihm im Schrank.

Werkstatt und Verkaufsraum sind bei Jan Suchy eins. „Es sieht hier vielleicht nicht immer ordentlich aus. Aber meine Kunden möchten von dem Menschen beraten werden, der ihren Anzug auch fertigt.“ Der Blick hinter die Kulissen ist eine wichtige Zutat seines Erfolgsrezepts. „Wenn ich mein Motorrad in die Werkstatt bringe, spreche ich auch lieber mit dem Mechaniker, nicht mit irgendeinem Verkäufer.“

http://www.herrenmassschneiderei.de

Mehtap Hatipoglu hat sich schon als Kind für Stoffe, Farben und Muster interessiert

Die Frau mit dem sechste Sinn: Mehtap Hatipoglu

Als kleines Mädchen schaute Mehtap Hatipoglu ihrer Mutter bei der Näharbeit über die Schulter, so entwickelte sie schon früh ein Faible für Stoffe, Farben und Muster. Sie studierte zunächst Wirtschaft und Management, folgte dann aber ihrer Leidenschaft – und ließ sich in London bei Tom James, dem größten Hersteller für Maßkleidung, zur mobilen Ankleiderin ausbilden. Hatipoglu arbeitete nicht in einem Geschäft, sondern besuchte ihre Kunden im Büro oder zuhause.

Die frühkindliche Begeisterung für Stoffe und die Erfahrungswerte, die sie bei ihrem ersten Job sammeln konnte, fügen sich heute zu bemerkenswerten Soft Skills. „Wenn ich mir jemanden anschaue, weiß ich sofort, welcher Stoff zu ihm passt.“ Für Mehtap Hatipoglu ist die Typberatung aus der Sicht einer Frau ein essentieller Aspekt ihrer Tätigkeit: „Wenn man den Leuten etwas Falsches anzieht, prägt man ungewollt auch ihr Wesen. Denn wer sich nicht wohl fühlt in seiner Kleidung, tritt ganz anders auf.“

Werbung muss sie für ihr Label Hatipoglu bespoke nicht machen. Oft kommen neue Kunden zu ihr, weil ihnen etwa im Flugzeug das Logo auffiel, als ein Reisender seine Jacke auszog. Hatipoglus Markenzeichen ist der Kolibri. „Er holt immer das Beste aus dem Nektar heraus.“ Ein Brioni- oder Kiton-Anzug von der Stange kostet 3000 Euro, „da kauft man den Namen ein“, sagt sie, „für den gleichen Preis bekommt man einen maßgeschneiderten Anzug mit einem hochwertigen Markenstoff von Loro Piana oder Holland & Sherry.“ Ob Spitz- oder Schalkragen, sagt sie, das hänge nicht nur von der Gesichtsform ab und davon, welcher Typ der Kunde ist. Sondern vor allem davon, welche Variante Daniel Craig im letzten James-Bond-Film getragen hat.

http://www.hatipoglu-bespoke.de

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