Cognac ist wieder trendy: Asiaten fliegen auf ihn, US-Rapper machen ihn zum Kultgetränk – die Absatzzahlen steigen. Drei Französinnen haben dazu erheblich beigetragen.
Getränketrend

Cognac – der Geist der Frauen

Cognac ist wieder trendy: Asiaten fliegen auf ihn, US-Rapper machen ihn zum Kultgetränk – die Absatzzahlen steigen. Drei Französinnen haben dazu erheblich beigetragen.

© Philippe Roy/hemis.fr/laif

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Dass der einst verstaubt wirkende Digestif-Klassiker wieder Aufwind verspürt, dafür sorgen US-Rapper wie Snoop Dogg, P. Diddy oder Busta Rhymes. Sie haben den Weinbrand aus dem Südwesten Frankreichs wieder gesellschaftsfähig machten und ihm ein sexy Image verliehen. Sie goutieren das aristokratische Nobelgetränk mit Ausrufezeichen: „Seht her, wir haben den sozialen Aufstieg geschafft!“ – auch wenn sie den Edelbrand mit Coca-Cola mixen. Die Hip-Hop-Szene setzt ihn auf den Kultsockel, sogar eine eigene Hymne („Pass the Courvoisier“) wurde ihm verpasst. Ob als Abschluss eines großartigen Dinners oder als hipper Cocktail zur heißen Party – Cognac ist wieder cool. 

© imago/Le Pictorium

Flüssige Meisterwerke aus bester Lage

Annie Ragnaud-Sabourin, Geschäftsführerin Ragnaud-Sabourin

Was die Chinesen mögen? Interessiert sie nicht! Auch nicht der Geschmack der Russen, Amerikaner, Deutschen, Engländer. Ein Allerweltscognac ist nicht die Sache von Annie Ragnaud-Sabourin. Sie weiß, was sie mag, und das reicht. Wie sie da steht in ihrer weißen Caprihose und dem blau-grün karierten Wollblouson, zwischen den Holzfässern und den von Spinnweben umgarnten Mauern ihres Weinkellers, könnte man meinen, die zierliche Frau mit dem knallroten Lippenstift wäre zu Besuch. Ambleville ist ein kleiner, überschaubarer Ort inmitten von Weinfeldern. Viel Efeu an den Hofmauern, Traktoren knattern über die schmalen Dorfstraßen. Die Juristin kennt das Anwesen mit dem alten Herrenhaus und den angrenzenden Gebäuden, in denen ihr Schatz lagert, schon von Kind an. Seit Generationen wird hier Cognac destilliert und ganz besondere Assemblages kreiert. Es ist ihr Haus. 

Cognac-Ragnaud ist klein, aber fein: Nur 50- bis 60 000 Flaschen werden jährlich produziert. Das Familienunternehmen im Südwesten Frankreichs, das Madame nach dem Tod ihres Vaters Marcel Ragnaud und einer Karriere als Juraprofessorin in Paris übernahm, gilt als einer der besten Cognac-Hersteller in der Charente-Maritime. Die 80-Jährige sagt stolz: „Wir haben hier 33 Hektar eigene Weinfelder in der besten Lage, der Grande Campagne!“ Das ist eher selten. Die meisten Cognacproduzenten müssen den Wein bei einem oder mehreren der 5200 Winzer in der Region kaufen. Kurz vor der Lese testet Ragnaud-Sabourin täglich den Zucker- und Säuregehalt der Trauben und entscheidet dann, wann geerntet wird. Sie muss nur zur Haustür hinaus und schon steht sie zwischen den Reben. „Und wenn ich in den Keller gehe, finde ich einen wunderbaren Vorrat an sehr guten, sehr alten Cognacs, die noch von meinem Großvater stammen!“ Die verwenden sie und ihr Kellermeister Pascal zur Assemblage mit den eigenen, auch noch in den vom Großvater angeschafften „Alambics“ destillierten Bränden. Unter Kennern gelten Cognacs des Hauses Ragnaud-Sabourin als flüssige Meisterwerke. Wer sie genießen darf, schwelgt in Aromen: Aprikose, Feige, Zimt, Schokolade, Butter, Muskatnuss oder Kaffee. Die Welt des Cognacs kennt über 250 Aromen. Bei den feinen Bränden von Madame und ihrem Team gibt es sehr viele davon zu entdecken. 

ragnaud-sabourin.com

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© Juan Baraja

Männerdomäne in Frauenhand

Isabelle Couprie, Kellermeisterin von Cognac Gautier

Dass einmal Frauen die Geschicke des Cognacs lenken, sogar seine Aromen bestimmen, für die Assemblages verantwortlich zeichnen würden – in der ehemals reinen Männerdomäne war das lange Zeit undenkbar. „Dabei waren Frauen mit ihrem besonderen Sinn für Düfte und Aromen schon immer prädestiniert fürs Cognacmachen – sie trauten sich bloß lange nicht“, sagt Isabelle Couprie. Die 43-Jährige ist „Maître de Chai“, Kellermeisterin von Cognac Gautier, einem der ältesten Cognac-Häuser in der Charente, eine der wenigen Frauen in dieser Position. 

Isabelle Couprie kommt aus einer Familie, die seit Jahrhunderten die Trauben für den Cognac anbaut: „Ich hatte schon als Baby Cognac-Duft in der Nase!“ Jetzt arbeitet sie in einer ehemaligen Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert im Dorf Aigre, wo Cognac Gautier seinen Stammsitz hat. Die studierte Biochemikerin und diplomierte Önologin, die den Weinkeller dem Forschungslabor vorzog, jongliert hier mit Lagen, Jahrgängen, Aromen und Farben – und kreiert daraus ganz eigene Cognacs. Sind die besonders feminin? „Nein, ich mache keinen weiblichen Cognac, sondern nur einen besonders guten!“, sagt Madame. 

cognac-gautier.com

© Christophe Goussard/VU/laif

Altes, neues Kultgetränk

Élodie Abécassis, Leiterin von ABK6 Cognac

Der „Anteil der Engel“ hat die Mauern der stolzen Destillerien im Cognac schwarz  gefärbt. Es ist ein Schimmelpilz, der sich vom Geist ernährt, der den mit Weinbrand gefüllten Fässern entweicht. Jedes Jahr im September wird dieser „Engelsanteil“ mit einem besonderen Event gefeiert. Dann trifft sich die Haute Volée der Cognacproduzenten im pompösen Rahmen. Jeder bringt eine Auswahl seiner wertvollsten Schätze mit – meist hochkarätige Weinbrände in edel designten Flaschen –, die dann für einen gemeinnützigen Zweck versteigert werden. 

Auch Élodie Abécassis von den Domaines ABK6 (die moderne Abkürzung von Abecassis) ist dabei. Die 29-Jährige ist eine der jüngsten Produzentinnen im Cognac. Ihre Familie besaß in Südfrankreich eigene Weinfelder, die sie aber aufgeben mussten. Ihrem Vater Francis fiel der Verzicht schwer. Er kaufte deshalb vor 14 Jahren 240 Hektar Rebflächen im Cognacgebiet in den besten Lagen: Grande Champagne, Petite Champagne und Fins Bois. Seitdem stellt er Cognac her, schließlich hievte er seine zweitjüngste Tochter auf den CEO-Sessel des Unternehmens. Eine gute Wahl, denn die Französin mit den langen, dunkelbraunen Haaren, Absolventin der berühmten Business Schools HEC in Paris und Wharton in Boston, verkörpert die neue Cognac-Generation wie keine andere. Smart, quirlig und sehr eloquent (re-)präsentiert die junge Frau souverän die fünf verschiedenen Cognacs von ABK6 auf den Märkten der Welt. 30 Länder hat sie schon mit ihrem Charme erobert, jetzt will sie an die „Twentysomethings“ heran. Mit „Ice Cognac by ABK6“ kreierte Abécassis einen Weinbrand, der auf Eis getrunken wird. Der ist ihr gleich aus den Händen gerissen worden. Ihre Zukunft sieht rosig aus, wie die des alten, neuen Kultgetränks. 

abk6-cognac.com

© Philippe Roy/hemis.fr/laif

Zahlen, bitte!

Hochprozentige Fakten rund um den französischen Edelbrand

Cognac ist ein Produkt mit regionaler Identität: Nur was im Gebiet des Cognac im Südwesten Frankreichs angebaut und mit einem Alkoholgehalt von mindestens 42 Prozent gebrannt wird, darf sich auch so nennen. Die meisten Cognac-Häuser haben deshalb auch ihre eigenen Weinfelder, viel wird allerdings von den über 5000 ortsansässigen Winzern dazugeliefert. Die Brände lagern dann über Jahrzehnte in Limousin-Eichenfässern, bis sie in einer Assemblage miteinander „verschnitten“ werden. 169 Millionen Flaschen fanden 2015 ihre Abnehmer in aller Welt, ein Wert von über zwei Milliarden Euro. 2000 waren es lediglich 116 Millionen Flaschen, 40 Jahre zuvor gerade mal 52 Millionen Flaschen. Zu der Absatzsteigerung haben die Asiaten – allen voran die Chinesen – erheblich beigetragen. Die feine Art des französischen Alkoholgenusses gilt als très chic in dem Riesenreich, genauso wie im angekratzten Glanz des untergegangenen Zaren- und Sowjetreichs. Auch Deutschland hat kräftig aufgeholt und orderte im vergangenen Jahr knapp fünf Millionen Flaschen aus der Region rund um den Fluss Charente. Grund genug für die 386 Handelshäuser des Cognac, ihren Lagerbestand von etwa einer Milliarde Flaschen weiter aufzufüllen. Dabei wird an der Kreation von „universellen Lieblingen“ gearbeitet, die gleichermaßen Engländern wie Indern, Chinesen wie Russen, Amerikanern wie Franzosen munden – denn sogar der Grande Nation muss der Cognac wieder schmackhaft gemacht werden.

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